Aus der Geschichte des Kunststoffes

Die Geschichte des Kunststoffes beginnt bereits im 16. Jahrhundert, mit einem Alchimisten namens Bartholomäus Schobinger, der auf Basis des Milchkaseins eine „durchsichtige materi“ erfindet. Die ersten Kunststoffe wurden aus modifizierten Naturstoffen gewonnen. Dazu zählt neben Kautschuk, Gutta Percha, Bois Durci auch Schellack - ein Material, das auf Basis eines Naturharzes hergestellt wurde. Das Harz produzierten in Ostasien vorkommende Schildläuse: Eine teure Angelegenheit, denn um ein Kilogramm Schellack herzustellen, mussten 300.000 Läuse sechs Monate lang ihr Sekret absondern.

Die Kunststoffindustrie hat in den letzten fünfzig Jahren eine so gewaltige Weiterentwicklung erlebt, dass selbst die Stahlindustrie in den Schatten gedrängt worden ist. Seit 1945 kann man in allen Haushalten unabhängig von sozialem Stand oder von der Lage - ob nun in abgelegenen Dörfern, in Grossstädten, in Industrieländern oder in Agrarwirtschaften - Polystirol, Polyäthylen, Polyvinylchlorid (PVC), Polyamid und Polypropylen finden. Nie hat es in der Geschichte der Menschheit ein vergleichbares Phänomen gegeben, das sich in so grossem Umfang und mit einer so schnellen Dynamik ausgebreitet hat.

1862 fand Alexander Parkes ein neues Material,das "in festem, verformbaren und in flüssigem Zustand verwendet werden konnte und das mal hart wie Elfenbein, mal lichtundurchlässig, mal flexibel, mal wasserundurchlässig oder verfärbbar war und das genau wie Metall mit dem Werkzeug bearbeitet, formgestanzt oder gewalzt werden konnte." Mit diesen Worten beschrieb der Erfinder im Jahre 1862 auf einem Reklameblatt das Parkesine, die zweifelsohne als der erste und ursprüngliche Kunststoff gelten kann, der dann Stammhalter einer grossen Familie von Polymern wurde, zu der sich heute einige hundert Komponenten zählen können.

Im Jahre 1869 fand John W. Hyatt eine Zusammensetzung auf der Basis von Zellulosenitrat - wie es kurz vorher auch Parkes gelungen war. Die erste Fabrik, die diesen neuen Kunststoff herstellte, wurde 1870 unter dem Namen Albany Dental Plate Company gegründet.

Hermann Staudinger (1881 - 1965), Leiter des Instituts für Chemie in Freiburg, begann im Jahre 1920 mit den theoretischen Untersuchungen der Struktur und der natürlichen Eigenschaften von natürlichen Polymern (Zellulose, Isopren) und von synthetischen Polymern.

Zur gleichen Zeit wurden auch die wesentlichen Aspekte der chemischen Mechanismen der Polymerisation und der Copolymerisation untersucht. Studien, die ihren Höhepunkt im Jahre 1954 erreichten, als K. Ziegler und G. Natta ihre Entdeckungen bezüglich der Katalysatoren der Polymerisation von Äthylen machten. Eines dieser Polymer ist das Polypropylen, das im Jahre 1957 im Montedison Werk in Ferrara zum ersten Mal industriell entwickelt und hergestellt worden ist. Das Polypropylen erwies sich umgehend als Polymer mit großer industrieller Bedeutung. Es wurde weltweit in stetig steigender Grössenordnung produziert. Im Jahre 1962 wurden weltweit noch dreihunderttausend Tonnen produziert. Heute beläuft sich die Produktion dieses Polymers auf insgesamt etwa 15 Millionen Tonnen mit ständig steigender Tendenz.

In diesen Jahren wurde auch ein neuer Kunststoff entwickelt: das Polyvinylchlorid. Anhand der Geschichte der vinylischen Harze kann man deutlich erkennen, wieviel Ausdauer und Beharrlichkeit die Forscher benötigten um schliesslich doch Erfolg zu haben. Im Jahre 1872 untersuchte E. Baumann den Prozess der Polymerisation des Vinylchlorids. Ihm gelang es die Bedeutung dieses thermoplastischen Produkts hervorzuheben. Im Jahre 1927 produzierte der amerikanische Betrieb Union Carbide Chemicals die ersten Vinylchlorid- und azetat Copolymer, die aber erst im Jahre 1939 in industriellem Umfang hergestellt wurden.

Nach der Entdeckung von PVC, Polyäthylen, Polyamid (Nylon) und Polystirol trugen, in den letzten fünfundzwanzig Jahren die besseren Kenntnisse über die Mechanismen der Polymerisation zur Entstehung anderer Kunststoffe bei.

Angefangen bei dem von Hyatt entdeckten Zelluloid, das edlere und wertvollere Substanzen ersetzen sollte, das sich aber wie ein Schwefelhölzchen entzündete und vielleicht sogar explodierte, haben wir nun in nur etwas mehr als einem Jahrhundert diese Superpolymer gefunden, die Metalle, Keramik und traditionelle Rohstoffe in vielerlei Hinsicht übertreffen und damit bei den fortschrittlichen Anwendungen in der modernen Technologie nicht mehr zu ersetzten sind.

Die Geschichte der Polymer bewegt sich im Gleichschritt mit der Perfektionierung der Transformationstechnologien voran, mit denen man aus einer Handvoll Körner oder Staub, aus einem Glas Flüssigkeit ein fertiges Objekt gestalten kann, das über ein präzise Form verfügt und das eine spezifische Funktion erfüllen kann.

Quelle: Sandretto Museum Collegno (To) Italien, Renzo Marchelli

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